Unser Kind 1933, 2022, Cyanotypie auf Papier, 49-teilig, je 21x30, Installation variabel, hängend oder liegend, gesammelt oder linear
„Unser Kind“ steht auf der ersten Seite eines kleinen braunen Albums. Neben privaten Aufzeichnungen und Fotografien enthält es Einträge und Zeitungsausschnitte zu politischen Ereignissen, etwa zur Reichstagseröffnung unter Hitler am 21. März 1933. Familiengeschichte und nationalsozialistische Propaganda erscheinen darin untrennbar verschränkt. Erste Worte neben Wahlerfolgen, Kinderfotografien neben Reden eines Regimes, das systematisch Menschenrechte außer Kraft setzte.
Als Angehörige einer aufgeklärten, diskriminierungskritischen und feministisch geprägten Generation irritiert mich, wie wenig Wissen über die konkreten historischen und sozialen Umstände meiner eigenen Familie bis dato vorhanden war. Das Album dokumentiert politische Meilensteine eines Staates, der kurz darauf politische Gegner:innen verfolgte, jüdische Menschen entrechtete, deportierte und ermordete, Sinti:zze und Rom:nja, queere Menschen, Menschen mit Behinderungen sowie weitere als „abweichend“ Markierte systematisch verfolgte und Millionenfachen Mord organisierte. Welche Nähe zwischen politischem Geschehen und privatem Alltag bestand, wenn diese Gewaltgeschichte neben ersten Kinderschritten dokumentiert wurde?
Die Erfahrung, die Verbrechen des Nationalsozialismus in ein familiäres Erinnerungsobjekt eingeschrieben zu sehen, wirkt verstörend und betrifft nachhaltig. Das Album konfrontiert mit der Frage, wie intim-biografische und politische Geschichte ineinandergreifen und wie alltägliche Normalität die Stabilisierung eines verbrecherischen Systems ermöglicht. Um diese Verwobenheit aus der privaten Sphäre herauszulösen, veröffentlichte ich das Album in der Arbeit Unser Kind 1933 im Rahmen meiner Meisterschüler:innen-Ausstellung.
Die formalen Eingriffe beschränken sich auf die Invertierung der Farbigkeiten: Schrift verdunkelt sich, Fotografien kippen ins Unheimliche. Anstelle der linearen Buchstruktur sind alle 49 Seiten gleichzeitig sichtbar. So wird die Gleichzeitigkeit von Alltag, Verdrängung und nationalsozialistischer Gewaltpolitik unmittelbar erfahrbar.
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